Burgfeld Quartier

Die Erschliessung des Quartiers ab 1918

(Aus einer Broschüre der SP Burgfeld aus dem Jahr 1968)

Werfen wir vorweg einen kurzen Blick zurück auf die Verhältnisse in unserem Quartier und in unserer Stadt Bern im Jahre 1918. Wie klein das Quartier damals noch war, und welche Entwicklung es seither nahm, zeigen die Planausschnitte aus jener Zeit und die neueste Situation im Jahre 1968 auf den Seiten 2 und 2a. Die alten Häuser am Zentweg, damals noch Stationsweg genannt, am Burgfeldweg und Industrieweg, sind noch Zeugen der damaligen Zeit. Im Erdgeschosse des heutigen Hauses Zentweg 23 befanden sich der erste Konsumladen und auf gleichem Boden das Postbüro Ostermundigen, beide geführt von Herr und Frau Rieder. Erst 1925 verlegte die Post Ihren Sitz in den Neubau des Herrn Häfliger gegenüber der heutigen Post im Dorfe.

Südlich des Breiteweges, der beim alten Rudolfhaus endigte, behauten unter weissen Zeltdächern die letzten Steinhauer noch die Sandsteinquader aus den Steinbrüchen von Ostermundigen. Es waren die Letzten einer einst blühenden Industrie, welche die Bausteine zu den meisten öffentlichen Gebäuden der Stadt Bern und vielen anderen Schweizerstädten schufen. Erst in den Jahren 1921/22 erstand auf diesem Platze der Blick mit den Häusern Breitweg Nr. 2-16. Der in diesem Hause, Seite Stationsweg untergebrachte Laden, gestattete nun der KGB im Jahre 1922 hier einen grösseren und schöneren Laden zu eröffnen.

Selten war ein Bad in den damaligen Wohnungen des Quartiers, Closets mit Wasserspülung die Ausnahme, elektrische Küche noch unbekannt, von Kühlschrank oder Boiler nicht zu reden. Weder Radio noch Fernsehen störten die Nachbarn, und die Zahl der Telephonbesitzer im Quartier war an einer Hand zu zählen.

Das Brenn- und Heizmaterial holte man sich noch per Handkarren im Wald. Wer neben dem Holzherd ein Gasrechaud besass, war schon privilegiert. Ein Stück Garten oder Pflanzland zu bebauen, war nicht nur Liebhaberei, sondern Lebensnotwendigkeit für jede Arbeiterfamilie.

Keine Strasse im Quartier war noch asphaltiert, und die spärliche elektrische Stassenbeleuchtung wurde ab 23 Uhr gänzlich ausgeschaltet. Eine Kehrichtabfuhr bestand nicht, und der Strassenunterhalt war Sache eines jeden Hausbesitzers. Bis zum Jahre 1919 durchquerten die Eisenbahnzüge Ostermundigen noch von qualmenden Dampftrossen gezogen.

Heute, da am Rande unseres Quartiers bei den Bauten des „Technischen Zentrums der PTT“ eines der höchsten Hochhäuser der Schweiz (ca. 90m) im Entstehen begriffen ist, mutet es wie ein Wunder an, dass keines dieser alten Häuser der Abbruchwut unserer Zeit zum Opfer gefallen ist.

In die Stadt ging man normalerweise zu Fuss, man hatte ja noch Zeit aber wenig Geld! Nur wenn’s ausnahmsweise pressierte eilte man zum Tram beim heutigen Guisanplatz. Der Besitz eines Velos war damals für die Arbeiter wichtig, mussten doch viele täglich in die Stadt zur Arbeit. Eine Verkehrsmisere kannte man noch nicht.

Die Bahnlinie Bern-Wylerfeld überquerte die Aare noch über die eiserne Brücke, „rote Brücke“ genannt und durchquerte das Lorrainequartier auf dem Trassee des heutigen Nordrings. Noch bestand keine Lorrainebrücke und der Fussgänger- und Fuhrwerkverkehr wickelte sich auf der zweiten Ebene der „roten Brücke“ ab.

Für den spärlichen Autoverkehr waren nur die Kornhaus-, Kirchenfeld, und Nydeggbrücke da.

Lange Jahre veränderte sich nichts Wesentliches mehr im Aussehen unseres Quartiers. Erst 1937/38 entstanden die kleinen Häuser im Rechteck der Gsell-, Biderstrasse / Breiteweg und teilweise Burgdorfholzstrasse. Die schräge Durchquerung des Quartiers verdankt die Letztere einem nicht verwirklichten Verkehrsplan, der eine direkte Verbindung vom Guisanplatz bis „Bären“ Ostermundigen, mit Tramgeleise vorsah.

Der Ausbruch des zweiten Weltkrieges 1939 unterbrach die weitere Entwicklung abermals auf Jahre. Noch führte ein schöner Feldweg vom Industrieweg über freies Feld hinunter zu ehrwürdigen alten Eiche und ladete zum abendlichen Spaziergang ein.

Im Winter schlittelten die Kinder vergnügt am Abhang gegen den Schermenweg. Doch kaum war der Krieg zu Ende, so rührte es sich wieder im Quartier. In den Jahren 1946-54 schossen die neuen Häuser nur so aus dem Boden und vollendeten unser heutiges Quartier. Gleichsam wie ein Satellit folgten zwischen 1955 und 1959 die Bauten zwischen Schermenweg und Bahnlinie und belegten damit die letzte Landreserve im Gebiete unseres Quartiers.

Ein erstes brennendes Anliegen war natürlich eine bessere Verbindung mit der Stadt Bern. Eine öffentliche Versammlung vom 6. September 1919 verlangte bereits in einer Resolution die Verlängerung der Tramlinie ab Bärengraben nach Ostermundigen. Wurde das Anliegen erst im Jahre 1922 abgelehnt, so eröffneten doch schon im Herbst 1924 die industriellen Betriebe, welche damals unter der Leitung unseres weitsichtigen Genossen Robert Grimm standen, die zwei ersten Buslinien der Stadt Bern, die eine vom Bahnhof nach Bümpliz, die andere vom Bahnhof nach Ostermundigen. Unsere Linie führte in den ersten Jahren vom Bahnhof über den Zeitglocken – Bärengraben – Rosengarten – Ostermundigen und verkehrte alle 20 Minuten. Dies war ein freudiges Ereignis und ein grosser Erfolg, es wurde auch entsprechend geschätzt. Sieben Wagen zu 40 Plätzen waren der erste Bestand. Noch heute stehen einige dieser Wagen im Wallis (Lonza) und bei anderen Baufirmen zum Transport von Arbeitern in Betrieb.

Mit der Zunahme der Kinderzahl war auch das Bedürfnis für einen Kindergarten vorhanden. Manche Intervention, sowohl im Stadtrat als auch auf der Schul- und Baudirektion waren nötig, bis es so weit war. Am 8. Dezember 1951 wurde das gelungene Werk, verbunden mit dem Kirchgemeindesaal an der Burgdorfholzstrasse, festlich eingeweiht.

Noch waren aber nicht alle Wünsche erfüllt. Ein Schulhaus für die Kleinsten war nun dringend nötig. Im Frühjahr 1952 war auch dieser Wunsch erfüllt und der Schulpavillon Biderstrassekonnte eingeweiht und der Jugend übergeben werden.

Wo Kinder sind, da gehört auch ein Spielplatz hin. Dieser Meinung waren unsere Leute schon im Jahre 1926, als sie bereits ein entsprechendes Gesuch an den Gemeinderat richteten. Trotz der nahen Allmend, war dieser Wunsch scheinbar nicht zu erfüllen. Angesichts des zunehmenden Verkehrs, wo Kinder nicht mehr auf die Strasse gehören, erneuerten wir 1952 und 1954 unser Begehren. Voller Hoffnung besichtigten wir mit Funktionären der Stadt den fraglichen Teil der Allmend, durften Wünsche über die Gestaltung und die Umzäunung anbringen und glaubten alles in bester Ordnung.
Ob es wirklich die Sorge um die Sicherheit der Kinder war, die angeblich durch die nahen militärischen Übungen gefährdet würden, oder ob es eine willkommene Ausrede war, sei dahingestellt. Jedenfalls haben wir heute noch keinen genügend grossen Kinderspielplatz, trotzdem dieser nötiger wird.

Bei den nun doch auf 600-800 Stimmbürgern angewachsenen Einzugsgebiet, war die Eröffnung eines eigenen Abstimmungslokals keine übertriebene Forderung. Das Stimmlokal wurde im Jahr 1952 eröffnet und 2010 wieder geschlossen.

Ein weiteres Werk zum Wohle der Bürger unseres Quartiers zu schaffen, war uns vorbehalten:

Eines aber fehlte uns immer noch in unserem zu stattlicher Grösse angewachsenen Quartier. Wir besassen kein Versammlungslokal und kein Zentrum, wie es modernen Quartieren heute eigen ist. Dass dieser Wunsch erfüllt wurde, ist hauptsächlich das Verdienst unseres Paul Locher, was hier deutlich festgehalten sei. Es war sein Gedanke, als 1960 von der Kirchgemeinde Bauabsichten bekannt wurden, zusammenzuspannen und gemeinsam mit den kirchlichen Bauten auch eine Quartierstube zu verwirklichen. Dass er als Stadtrat massgeblich daran beteiligt war, der Kirchgemeinde zu einem guten Bauplatz zu verhelfen, sei nur nebenbei bemerkt. Mit seiner Motion im Stadtrat vom 17. Februar 1961 öffnete er den Weg zur Verwirklichung. Die Motion lautete:

Die Gesamtkirchgemeinde Bern gedenkt im Burgfeldquartier ein Kirchgemeindehaus zu erstellen, das den kirchlichen Bedürfnissen diese Teils der Nydeggemeinde genügen wird.

Der Benützung dieser Räume für allgemeine öffentliche Zwecke stehen aber die stark einschränkenden Bestimmungen des Kirchgemeindereglementes entgegen.

Im ganzen Burgfeldquartier mit annähernd %(eng)3 000% Einwohnern fehlt aber jegliches Lokal für öffentliche Versammlungen, Zusammenkünfte, Sitzungen, Freizeitaufenthalt oder gar Freizeitbeschäftigung. Darum sollte die Einwohnergemeinde in Koordination mit dem Bauvorhaben der Kirchgemeinde eine öffentliche Quartierstube erstellen, die in Verbindung mit einem Raum des Kirchgemeindehauses erweitert werden kann. Gleichzeitig sollte durch geeignete Beteiligung der Einwohnergemeinde das Benützungsrecht der Dependenzen des Kirchgemeindehauses (Garderobe, Teeküche, Sitzungszimmer, Bastelraum) gesichert werden.

Diese Motion wurde vom Stadtrat mit grossem Mehr angenommen. Noch waren viele Hürden zu überspringen, bis es so weit war, aber Paul Locher setzte seine ganze Persönlichkeit ein, bis zum guten Gelingen. Am 27. Mai 1967 wurde das gelungene Werk das Gemeindehaus Burgfeld festlich eingeweiht. Es ist nebst den kirchlichen Räumen, mit seiner grossen Quartierstube, dem Sitzungszimmer, der Jugendstube, der einverleibten reichhaltigen Bibliothek der Volksbücherei, den Bastelwerkstätten für Holz und Metall, der Webstube für Frauen und dem Krankenmobilienmagazin nebst allen Nebenräumen und Einrichtungen, das erste Gemeinschaftswerk dieser Art in der Gemeinde Bern. Es ist aber in unserem Quartier, wo die öffentlichen Veranstaltungen bisher ausserhalb der Gemeindegrenze, im Restaurant Waldeck abgehalten werden mussten bestens am Platze. Nun besitzen wir ein Sitzungs- und ein Versammlungslokal, sie es nicht schöner sein könnte.

Ist auch kein Wirtschaftsbetrieb damit verbunden, so macht die Frauengruppe diesen Mangel mit Tee und alkoholfreien Getränken sowie knusperigen Beigaben an den Versammlungen bei weitem wett.

Es war gegeben, dass man die Leitung des 1967 neu zu gründenden „Verein für Freizeitgestaltung Burgfeld-Bern“ dem die Veranstaltung von Anlässen und der Betrieb der Freizeitwerkstätten obliegt, dem Motionär P. Locher anvertraute. So wissen wir die Sache in guten Händen und unsere Mitgliedschaft ist als Kollektivmitglied dieses Vereins Mitträger und Mitbenützer des Gemeindehauses.

Vom Pflanzland

Wie wichtig der Besitz eines Gartens oder Pflanzplätzes für den Haushalt eines Arbeiters früher war, habe ich erwähnt. War es früher noch möglich, in der Nähe des Quartier vom einem Landwirt ein Stück Boden zu pachten, so wurde dies mit der Zeit immer schwerer. Wohl aus diesem Grunde stellte ein Genosse im Jahre 1920 den Antrag, es sei bei der Domänenverwaltung der Stadt Bern ein Gesuch um Verpachtung einer grösseren Landparzelle zur Anlage von Pflanzplätzen zu stellen, was auch geschah. Die wurde besonders nötig, weil die bisherigen bäuerlichen Vermieter ständig mit Kündigungen drohten. Erst nach ungezählten Demarchen kam 1924 ein Vertrag zu stande. Noch blieb eine Wasserleitung zu verlegen und ein Brunnen aufzustellen, was als Gemeinschaftswerk verwirklicht wurde.

Bis 1946 hatte diese Anlage Bestand. Leider musste nach Kriegsende auch dieses Terrain dem entstehenden Neuquartier geopfert werden. Und wieder waren es unsere Leute, die unentmutigt nach einem neuen Terrain suchten. Die heute bestehenden, mustergültig gepflegten und oft von Blumen eingerahmten Pflanzungen am Rande der kleinen Allmend, sind eine wahre Augenweide. Wie beliebt diese schönen Pflanzplätze sind, die zu günstigen Bedingungen abgegeben werden, bewies die grosse Nachfrage.